Kann ich leben, gut leben – ohne zu denken?
Kann dies überhaupt möglich sein, da wir Menschen (fast alle) doch kontinuierlich „denken“, auch etwas, das wir gar nicht „gedacht“ haben? Und vor allem: „Jeder will doch denken – weil jeder etwas „darstellen“ möchte„. Selbst nachts denken manche Menschen „weiter“, können nur bedingt schlafen und, sofern wir gut schlafen, geht es morgens gleich weiter. Ich verweise auf den Beitrag „50 000 Gedanken …“
Warum aber soll diese Denkthematik hier Beachtung finden, wo es auf dieser Seite und in allen Beiträgen im Wesentlichen um die Seele geht? Eigentlich über Gespräche eben über diese Seele – Ihre Seele. Wie es der Seele geht, was wir für und gegen sie machen, was die Seele eventuell von uns möchte und warum wir den Begriff der Seele für einen Teil unserer Kommunikation wie auch in der Betrachtung und Empfindung unserer Gefühle ganz selbstverständlich verwenden. Beispielhaft: Seelenleben . Seelenfrieden . Seelenverletzung . Seelenleid . Schatten auf der Seele . Weltseele . Seelenverwandschaft . Seelenmüll . Seelenklempner . eine „gute“ Seele usw. Dass sich gewisse Menschen schon sehr lange mit der „Seele“ beschäftigten ist belegbar – nehmen wir als Beispiel nur Platon vor grob 2400 Jahren. Aber es sind noch viel mehr – davor und danach und jetzt. Wohl immer.
DENKEN bedeutet in der Regel – bekannte Begriffe dafür zu verwenden. Und was ist mit den ganzen anderen Begriffen? Außerhalb unseres Wort-Repertoires! Denken wir diese nicht weil wir sie nicht kennen oder diese uns nicht interessieren?!? Und kann es sein, dass „trotzdem“ mal ein Begriff erscheint, der gar nicht in unserem Repertoire – anders formuliert unserer Ansammlung – enthalten ist? Ist Ihnen dies schon einmal geschehen – oder öfters? Vielleicht mal NACH-denken. Was ist das wieder für ein Wort? Nachdenken. Wo/wie „nach“? Was machen wir eigentlich wenn wir NACHDENKEN? Über etwas nachdenken. Ah ja. Es gibt also denken und nachdenken. Oder vordenken. Dann kann es auch NICHT-denken geben. Z. B. wenn ich einfach nicht denken WILL. Schluss, Ruhe da oben, keine Lust, es wird zuviel …
Kann man sagen, dass NICHT-denken zugleich innere Stille ist? Ab und zu – unbewusst – haben wir diese Stillemomente. Die Frage ist ob wir sie auch wahrnehmen. In vielen Bereichen des Lebens ist die Welt, also wir Menschen, dauerhaft laut. Der Verkehr fliesst immer, Radios laufen auch viel, geredet wird auch gerne, beim Joggen hören viele Musik, der Fernseher, das Handy, am Arbeitsplatz, Telefon, Maschinen, Mittagessen, Lokale, Bars, Disco …, zusätzlich lesen usw.
Demnach bedeutet NICHT-DENKEN, dass wir das bewusst wollen und ausführen. Wollen warum und wofür? Es kann ja auch egal sein … Außerdem, was wir nicht kennen, suchen wir eigentlich auch nicht. Und doch gehen viele Menschen solche Wege. Manche machen einen Spaziergang, bewusst alleine. Manche sind etwas extremer und gehen einige Tage ins Kloster oder in einen Retreat eines asiatischen Klosters, von denen es in D . CH . A einige gibt. Viele machen den Jakobsweg oder andere Pilgerwege in der Natur. Manch eine/r vertieft sich vollkommen in Musik, womöglich auch als Musiker/in. Viele besuchen Angebote in Seminarhäusern oder örtlichen Angeboten in all den bekannten Facetten. Andere wiederum reisen – immer noch – nach Indien, das Land von Buddha oder nach Japan (ZEN).
Aber wir müssen gar nicht so weit gehen, wenn wir NUR einen stillen Ort aufsuchen wollen. Einen gibt es ganz sicher – das Kirchengebäude. Egal ob mit Glauben oder nicht, aber dort finden wir einen geräuschlosen Raum. Die Alternative: der Keller im Haus. Ein Bekannter von mir – bereits im Ruhestand – hat für sich beschlossen, trotz Partnerin, dass er sonstige Kontakte für ein 3/4 Jahr unterlässt und hat alle darüber informiert. Weil er in „sich“ mal Ordnung, Klarheit und „weniger“ ermöglichen wollte. Er hatte also eine Vorstellung und ein Ziel. Der Wald ist auch so ein Ort – auch wenn die Vögel sich etwas erzählen und ihre Warnrufe aussenden.
Was können Sie/Wir erwarten, wenn wir den Versuch unternehmen wollen, für eine gewisse Zeit (als Test) nicht zu denken? Und wie geht das?
Hier möchte ich zwei Zitate zur Stille einfügen:
Dschalal ad-Din Muhammad Rumi – Listen to the silence, It has so much to say.
und
Albert Einstein – Ich denke 99 Mal nach und finde nichts. Ich höre auf zu denken, schwimme in der Stille, und die Wahrheit kommt zu mir.
Beide Zitate tragen eine „Übereinstimmung“ in sich. Wer an der Notwendigkeit des Denkens festhält, wird sich fragen, wie Rumi und Einstein zu solch einer Erkenntnis kommen (es sind ja noch viel mehr als nur diese beiden Beispiele)?
Um sich zu „öffnen“ darf man diese „gedankliche“ Option einfach mal zulassen. Was für uns vollkommen konträr ist, nämlich, dass die Stille viel mehr bietet (an Informationen) als unser übliches Denken. Weil wir von einem „Wissen“ ausgehen – Allgemein- oder (Teil-)Fachwissen. Und Einstein spricht sogar von der Wahrheit. Wahrheit kann es nur eine geben – ob in Teilbereichen oder eben in einer Gesamtheit. Ich bezeichne diese Stille einfach als „Quelle“, die immer präsent ist. Ist nicht Gott auch Stille, Buddha auch? Stille kann zugleich als Leere bezeichnet wie auch Leere als Stille.
Diese Stille ist auch immer anwesend, sofern wir darauf achten. Schon allein die Sprache bzw. die Schrift beinhaltet Stillephasen. Wie heißt der Abstand zwischen zwei Worten? „Leerzeichen oder blank“. Zwischen dem Einatmen und Ausatmen gibt es einen Moment der Stille (Stillstand) und Leere. Selbst wenn wir sprechen oder denken gibt es immer dazwischen kurze Phasen der Stille. So kann man unterscheiden zwischen der physischen Stille und der Stille des Geistes und der Seele. Wenn wir gehen, Schritt für Schritt, entsteht im Wechsel von einem Bein auf das andere diese „Verzögerung“ der Stille/Ruhe. In der Musik, bei dem Atem, beim Herzschlag usw. Ein Pendel bleibt für einen Moment an der höchsten Stelle stehen bevor er zurückschwingt. Bedenkt man die gewaltigen Flächen der Stille in den Wüsten der Welt oder in den noch vorhandenen Eisregionen oder tief im Meer, natürlich auch an der Meeresoberfläche (ohne Tiere). Selbst der Wind ist still. Was wir hören ist nur seine „Wirkung“ auf andere Gegenstände die dann Geräusche/Klang bedingen. Diese „Räume“ (sichtbare und unsichtbare) können wir überall wahrnehmen. Manche sind eher zart und unauffällig, andere dagegen auffällig präsent. Schauen/hören Sie mal in einen dunkleren Bereich eines Waldstücks hinein. Oder in einem Park, an einer Bushaltestelle, in der Schlange vor der Kasse, in der Bibliothek, in einem Geschäft oder wenn sie einfach nachhause kommen. Die Stille umgibt uns wie die Luft. Aber nehmen wir das überhaupt wahr? Worauf achten wir eigentlich?
Wenn wir auf die Atmung achten, dann ensteht an der Nasenöffnung ein Geräus durch den Luftzug. Probieren Sie mal das aus: Wenn Sie irgendwo sind, z. B. in der Mittagspause, achten Sie auf die Atmung und gleichzeitig um die Stille um Sie herum. Dann machen Sie das gleiche, jedoch öffnen Sie den Mund. Beobachten Sie mal den Unterschied – auch in Bezug auf die Wahrnehmung/Wirkung der Stille.
Was kann NICHT-DENKEN uns nützen? Und wie könnte das Ergebnis sein, wenn wir auf das Denken einfach mal bewusst verzichten (auch wenn es nicht so einfach ist)?
Zuerst einmal sollten wir berücksichtigen, dass es die äußere Stille gibt, wie auch die innere. Was jedoch von Anfang an klar sein sollte … diese Stille können wir nicht „erzeugen und nicht erzwingen“. Wir können sie nur wahrnehmen. Das Ideal ist, IMMER in dieser Stille (innen und außen) zu sein. Auch wenn es draußen sehr laut ist. Aber jetzt geht es mal um einen Anfang und um ein erstes Erkennen.
Das Wesentliche ist, dass wir uns nicht auf das NICHT-DENKEN fokussieren, sondern sehr bewusst und kontinuierlich diese „Stille“ suchen und ihrer gewahr werden. Da sie auch in uns ist, manche sagen, es ist die Essenz jeglicher Existenz, geht es darum in dieser „Stimmung“ zu sein. Meine Aufmerksamtkeit gehört dieser Stille. Üben Sie es während einer Unterhaltung. Ihr Organismus „nimmt“ das Gespräch vollständig
auf. Bleiben Sie innerlich in dieser Stille und „hören“ vollständig zu – weil Sie nichts hören. Sie können dann innerhalb des Gesprächs auch antworten, wenn die andere Person geendet hat. Sie müssen nicht „MIT-DENKEN“ während einer Unterhaltung. Es ist so, als ob die andere Person seine Mitteilung in einen „Computer“ leert und sie es dann ablesen können. Sie nehmen den Inhalt, was die andere Person vermitteln will, viel besser auf. Und dann antworten Sie aus dieser Stille heraus und womöglich antworten sie „anders“ als üblich.
Der einfache Grund dafür ist … je mehr Stille/Ruhe in uns ist, umso klarer wird und ist alles. Weil alles Unnötige keinerlei Bedeutsamkeit mehr hat. Normal saugen wir ja alles auf – ob wichtig oder nicht.
Sie müssen sich am Anfang immer wieder daran „erinnern“ und sich aufmuntern, wieder nur nach der Stille zu suchen. Es wird nach und nach besser und Sie werden dann auch die „Unterschiede“ dieser Stille
wahrnehmen. Wenn Sie die Möglichkeit haben, gehen Sie bei Dunkelheit in den Wald, in den Park, zumindest auf die Straße oder den Balkon. Am besten dort wo Pflanzen sind. Und verweilen Sie oder gehen Sie ganz langsam und leiste wie ein Tier.
Und: Vertrauen Sie dem was Rumi und Einstein durch Erkenntnis gesagt haben. Oder will jemand Herrn Einstein widersprechen?
Nach und nach entsteht eine Klarheit und Sicherheit und wir erkennen, dass so vieles von allein (= ohne uns) geschieht. Wir spielen ein bisschen mit. Man erkennt was wirklich wichtig ist und dass so vieles es eben nicht ist. So werden wir immer ruhiger, auch der Organismus und er wird vitaler.
Es geht: Leben ohne selbst zu denken – besser „denken“ lassen (aus der anderen Quelle).
Hier zu passt schön eine Aussage von Patrick van den Heede:
Leben ist die Verbindung mit Materie – und Verlangen nach Befreiung.
Wie viel Materie gibt es eigentlich (noch), wenn die Leere und Stille überwiegt? Wenn wir einfach die Augen schließen, in die innere Dunkelheit gehen, die Aufmerksamkeit Richtung Herz oder Bauchnabel oder Solar Plexus verlagern und dort verweilen?
Wenn unsere Augen keine „Formen“ und Materie mehr als Information an das Gehirn weiterleiten – weil sie gar nicht mehr „da“ sind und somit auch nicht wichtig! Dann wird es leicht. Spielen Sie an diesem Spiel der Stille mit und werden Sie still und lassen Sie sich einfach führen. Die Stille ist ideal dafür.
Es gibt ja den Begriff des Paradieses – mit oder ohne Apfel. Wenn Sie mal alles Materielle weglassen auf Ihrer Liste, was nötig wäre, dass sie in diesen paradiesischen Zustand eintreten könnten – was müsste dann immer präsent sein? Und was alles müsste dann für immer weg sein?
Und was „besitzen“ Sie dann, was andere nicht haben?
Und in welchem Zustand ist dann Ihre Seele?
