Wofür lebe ich eigentlich?

Auf den ersten Blick wohl eine komische Frage, da eventuell jeder von Ihnen dafür eine Schnellantwort hat. Welche Antworten könnten spontan ausgesprochen werden?

Ich lebe für:  meine Familie . meinen Beruf . meine Berufung . ein gutes Leben . meinen Glauben . meine Kinder . eine bessere Welt . meine Sicherheit . meine Existenz . meinen Wohlstand . ein langes Leben .
meine Gesundheit . mein Hobby . meine Leidenschaft . meine Selbstverwirklichung . ein Ziel . meine Erfolge . meine Mitmenschen und weiteres …

Mehr Betrachtung (beispielsweise) – ein Mensch der Häuser entwickeln will, wird Architekt. Ein Mensch der anderen helfen will, wird Arzt/Ärztin, Therapeut/in, Psychologe/Psychologin (oder Psychiater. Ein Mensch der Kindern etwas beibringen will, wird Erzieher/Erzieherin, Lehrer/Lehrerin. Dito für Jugendliche z. B. Student:innen somit Professor und Philosophen für Erwachsene usw.
Ein Mensch der in sich Geschichten trägt oder sich in Themen vertieft, wird ggfs. Autor:in, Journalist. Andere wiederum wollen mit der Natur arbeiten, werden Landwirt:in, Biologe/in, Florist/in. Die, denen die Vergangenheit liegt, werden Wissenschaftler, Historiker, Archäologen. Und die, denen der Planet Erde nicht reicht, die gehen auf die Suche im Universum. Bestimmte Menschen sind einem Glauben tief verbunden, leben danach und werden Missionar:in, Priester:in, Seelsorger:in, Mönch oder ein Dalai Lama u. w.
Menschen verspüren den Drang, anderen Menschen, denen es schlechter geht, zu helfen. Sie orientieren sich in der Entwicklungshilfe, arbeiten in Krisengebieten, setzen sich gegen Ungerechtigkeit ein, gründen Hilfsorganisationen usw. Andere haben sich einem Handwerk versprochen, ob Bäcker, Konditor, Metzger, Zimmermann, Tischler, Baubetrieb, Elektro- oder Sanitärinstallateur. Für andere wird ihr Hobby zum Beruf oder sie betreiben ihr Hobby neben einer anderen Tätigkeit sehr intensiv. Dito Leidenschaften. Wieder anderen ist das, was wir mit Karriere bezeichnen sehr wichtig und sie tun alles dafür. Ein gestecktes Ziel erreichen und dazwischen Erfolge/Auszeichnungen erhalten. Steht der Wohlstand im Vordergrund, liegt die Orientierung auf „viel Geld“. Dafür gibt es unterschiedlichste Möglichkeiten und Berufsbilder. Der Familienmensch Frau/Mann richtet sein Leben danach aus. Das Herz einer Familie zu sein. Eine bessere Welt zu ermöglichen wie auch nach der Selbstverwirklichung zu streben, ist wiederum eine
Orientierung und Motivation, aus denen sich berufliche Tätigkeiten ableiten lassen. Oder jemand, der „seine“ Ausdrucksform mittels der Kunst umsetzen will.

Nicht alle Menschen haben solche Ziele oder Berufungen – Fähigkeiten vielleicht schon aber noch nicht erkannt und sie machen irgendetwas. Womöglich das, was Vater oder Mutter war, die Übernahme des Geschäfts, die Empfehlung der Vorgeneration im Staatsdienst zu arbeiten (wegen der Absicherung) oder in der Kommune, eine Bürotätigkeit oder im Verkauf. Alles ist in Ordnung, da ja überall auch Menschen erforderllich sind.

Innerhalb dieser gesellschaftlichen Systeme, beenden manche Menschen dann ihre Tätigkeit, weil sie in Pension oder in Rente gehen. Andere arbeiten viel länger, weil es ihnen weiterhin viel Spaß macht und dies für sie erfüllend ist. Für manche gibt es nur diesen einen Weg (40 Jahre im gleichen Unternehmen), andere wechseln mehrfach Tätigkeit und Unternehmen oder wechseln vom Angestelltenverhältnis in die Selbstständigkeit. Alles okay.

Auch besteht das Leben aus gewissen Phasen und Zeiträumen. Die Kindzeit, die des Jugendlichen, der junge Erwachsene, das mittlere Alter, dann die Senioren und die „ganz Alten“.

Ist damit die Frage der Überschrift bereits befriedigend beantwortet? Sind wir in gewisser Weise mit diesem erkennbaren „Standardverlauf“ zufrieden? Ich habe ab und zu das Bildnis einiger Zugwaggons verwendet. In die man, heute schon sehr früh (Kita mit 3 Jahrn) einfach einsteigt, durch den Waggon, der keine Fenster hat, durch läuft, in den folgenden Waggon (Schule/Ausbildung/Studium) wechselt, dann in den nächsten der Erwerbstätigkeit oder den vorbeschriebenen Ausprägungen. Der nächste ist dann der des Ruhestands (welche Ruhe vor was?) und dann gibt es nach dem letzten Waggon das Finale, wenn der letzte Atemzug und der letzte Herzschlag erfolgt ist.

Zuvor aber schauen wir zurück auf dieses, unser einmaliges Leben mit diesem Körper. Manche sagen, sie würden alles wieder gleich machen, andere würden vieles anders machen.

Ist Beruf und Berufung das Gleiche? Ist Leidenschaft und Fähigkeit das Gleiche
? Allein diese zwei Wörter Berufung und Leidenschaft sind interessant. Im einen steckt „ruf„, womöglich von rufen und im anderen steckt Leiden. Wenn man also von Berufung spricht, hat „mich“ jemand oder etwas gerufen, das zu tun? Und warum soll ich in der positiven Auslegung einer Leidenschaft (die manch andere womöglich nie haben) überhaupt leiden? Ein Wortspiel nur …?!

Und wie viel von diesem Leben, von diesen prallen Möglichkeiten, haben wir überhaupt gewusst? So viel wie von der Liebe, über die die meisten Eltern mit dem Kind in Bezug auf das „Aufklärungsgespräch“ nicht sprechen? Waren wir bei einem Berater oder einer Berufsfindungsausstellung? Wie „erkenne“ ich eigentlich meine Berufung, meine Fähigkeit, meine Leidenschaft? Oder wer sagt mir dies? Wenn Eltern wollen, dass das Kind ein Musikinstrument erlernt … ist dies dann Berufung, Fähigkeit, Leidenschaft? Oder die „Selbstverwirklichung der Eltern, die das für sich nicht realisiert haben oder nicht durften? Natürlich kann es in gewissen Fällen dazu kommen, weil der Mensch ja erst das bisher Unbekannte kennen lernen muss.
Man spricht auch von Neigungen. Sich zu irgendetwas hin-neigen oder zu-neigen. Wie kann das „Gold“ in mir, das dort irgendwo schlummert, ans Tageslicht oder in das Bewusstsein gebracht werden? Was ist der Schlüssel dafür – ohne Zwang anderer? Wie sagt man: es stehen alle Türen offen und Amerika ist das Land der „unbegrenzten“ Möglichkeiten. Im Vordergrund steht doch allgmein das Leben zu meistern. Also das zu erfüllen und bedingen, was für ein Leben notwendig ist. Grundlage dafür ist wohl der Besitz von Geld. Dafür bekomme ich eine Wohnung, Möbel, Kleidung, Essen, Auto, Kino, Urlaub … Also gehe ich arbeiten, VERRICHTE ich eine Tätigkeit. Erfülle was ihm Arbeitsvertrag oder der Arbeitsplatzbeschreibung steht oder behaupte mich in der Selbstständigkeit gegen die Konkurrenz.

Können/sollen wir unterscheiden zwischen gesellschaftlichem Leben und somit Normen und Individualleben (mit/ohne Normen)? Und wer und was bin ich in welchem System? Und nach was werde ich beurteilt und geschätzt?

Am Ende sagen manchen Menschen, sie haben ein gutes Leben gelebt. Andere fragen: war das alles? Und die, die eine Zielvorstellungsliste nach und nach abgehakt haben, sind das die glücklichen? Es kann sein und nicht sein. Wie oft sind wir aus dem einen oder anderen Waggon tatsächlich mal ausgestiegen?

Wofür lebe ich eigentlich? Gibt es irgendwelche Werte – auch innere Werte? Warum waren die Beatles in Indien und Steve Jobs (Apple) und viele andere auch? Wie viele Menschen fast weltweit besuchen eine Vielfalt von Angeboten und suchen um etwas zu finden? Warum und wofür? Früher pilgerten Massen nach Indien zu bekannten Gurus, spirituellen Lehrern. Heute finden wir in den Weltzivilisationen überall eine Flut von Selbsterkennungs- und Selbstverwirklichungsangeboten. Aber auch der Zulauf zu Psychologen ist enorm angestiegen, in den USA ist es fast schon eine Pflicht. Bei den letzten indigenen Völkern bzw. Stämmen ist dies in dieser Ausprägung nicht bekannt, jedoch in natürlicher Weise existent. Und immer mehr Menschen verlassen die „Kirche“. Liegt es an der falschen Sprache?

Was ist das für eine Sehnsucht? Sich fast süchtig nach ETWAS sehnen? Etwas soll zu mir kommen und mich vollständig erfüllen. Leidenschaft oder Berufung, Wohlstand oder Reichtum, ein Haus, drei Autos und gerne noch ein Schiff, eine Liebesbeziehung auf Ewigkeit, bis der Tod euch …. und gleichermaßen für jeden anderen Menschen mit „weniger“.

Und was ist es überhaupt, was diese UNRUHE erzeugt? Weiß ich das genau? Habe ich über diesen „Trend“ gelesen oder ist dieses Vakuum tatsächlich in mir? Mache ich mit, weil es andere tun? ES tun ja nicht alle … Sind die anderen die ERFOLGREICHEN. „Erfolg“ und „Reich“ oder den  > Erfolg „reichen“<. Ich reiche ihnen auf dem Silbertablett das Besondere …

Sind die anderen die Zufriedenen und „ich“ nicht? Oder geht es allen gleich? Was ist mit denen, die auf einen Schlag alles verloren haben? Oder sehr, sehr krank wurden?

Warum steht im Evangelium (nur ein Beispiel ohne religiöse Fixierung) dies:
„Es ist aber der Glaube eine gewisse Zuversicht des, das man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, das man nicht sieht“. 

Aus Johannes 1, 4.5 .II: „In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat`s nicht begriffen“.

Und ergänzend dazu von einem indischen Weisen: „Leid entsteht aus Unwissenheit. Unwissenheit ist die Wahrnehmung dessen, was nicht existiert, und das Nichterkennen dessen, was existiert„.

Das, was in diesen Aussagen verborgen ist, ist etwas komplex. Lassen Sie es einfach so „stehen“ oder verstehen Sie es.

In all den Religionen, Philosophien, Ideologien – westlich und östlich – steht mehr oder weniger das Gleiche mit vielen Worten, Gleichnissen, Metaphern. Jedoch – nach meiner Auslegung – wollen alle das Gleiche zum Ausdruck bringen und den Menschen anleiten, ihn darauf aufmerksam machen.

Wofür lebe ich eigentlich?